So, lesen is erlaubt, aber nich klauen ^^

 

Milch

 

 

"Entschuldigen Sie, haben Sie etwas Milch?" fragte ich meine neue Nachbarin. Natürlich hatte ich genug Milch, doch Sie hätten sie sehen sollen. Sie wären auch um keine Ausrede verlegen gewesen, sie endlich anzusprechen. Sie war etwa 19 Jahre alt, blond... und hatte das hinreißendste Lächeln, das ich je sah. Sie war gerade erst eingezogen, ich beobachtete sie den ganzen Vormittag durch meinen Türspion, als sie einzog. Die Frau meiner Träume, ich wusste es gleich...

"Hi! Ja klar, kommen Sie nur herein!" Sie trat einen Schritt zurück, und ich konnte die vielen Umzugskartons sehen, die sich in ihrem Flur stapelten. Sie muss meinen Blick bemerkt haben. "Entschuldigen Sie, es ist etwas unordentlich. Ich habe noch nicht alles auspacken können." Das Lächeln. Ich erwiderte es. "Das macht doch nichts." Ich schritt durch den Flur. Ich roch ihren Duft. "Sie sind heißen Ted, nicht?" Sie kannte meinen Namen! "Ja..." antwortete ich verdutzt, "Woher wissen Sie..." - "Der Postbote hat heute morgen einen Brief fallen lassen, den er in ihren Briefkasten werfen wollte, ich habe ihn aufgehoben und dabei die Adresse gelesen. Sie sind doch nicht sauer?" Es war eine Rechnung von den Stadtwerken. Genauer: eine Mahnung. "Nein natürlich nicht." Ich lächelte. Sie beugte sich in den Kühlschrank um Milch zu suchen. Auf der kleinen Anrichte sah ich die Reste ihres Frühstücks: Ein langes Brotmesser, eine Tasse mit einem Kaffeerand, Kuchen- und Brotkrümel und Marmeladenspritzer. Sie sahen aus wie Blut. Ich betete, dass niemals Blut die Räume besudeln möge, in denen sie sich aufhält. Ich kannte sie kaum 2 Minuten persönlich, und vor gerade einmal 2 Tagen zog sie ein, doch ich wusste: Sie ist das Zentrum meines Universums. Der Sinn meines Seins. Und ich würde sie vor jeder Gefahr beschützen.

"Reicht Ihnen ein Liter?" Ich konnte sie wieder lächeln sehen. Das Kühlschranklicht warf einen eigenartigen Schimmer auf ihre Lippen. Wie gerne würde ich sie küssen. "Selbstverständlich, ich danke Ihnen." Sie richtete sich auf hielt 2 Packungen Milch in den Armen. Mit der Hüfte stieß sie sachte gegen die Tür und schloss sie somit fast geräuschlos. Ich spürte kurz einen Stich, fast als beneidete ich diese Tür um dieses Erlebnis. "Nehmen Sie 2 Liter, lieber zu viel als zu wenig." Sie zwinkerte mich tatsächlich an. "Dankeschön." Ich zwinkerte zurück. Gott, ich kam mir sofort dumm vor. Ich wollte noch nicht gehen. Ich liebte sie, so unglaublich. Ich wollte für immer in dieser Küche stehen und sie ansehen. Sie drückte mir die Milch in die Hand. "So, ich wünsche Ihnen viel Spaß damit. Ach wie unhöflich!" Mir wurde anders ums Herz. Was war passiert? Hatte ich etwas falsch gemacht? Nein, hatte ich nicht, wie sich gleich herausstellen sollte. "Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt!" Das leichte Entsetzen ob ihrer eigenen Vergesslichkeit ließ ihre Stirn kräuseln. Es war so süß. "Ich heiße Sabrina. Sabrina Walsen." Sie reichte mir die Hand. Meine Hände waren mit Milch vollgepackt. "Ich heiße Ted, Ted Schmaler. Ich würde Ihnen gerne die Hand schütteln, aber begnügen Sie sich besser mit meinem Ellbogen." Sie lachte. Es war ein fröhliches, unbekümmertes Lachen. Ich war so glücklich. Ich wollte sie küssen. Mehr denn je. "Entschuldigen Sie." Sie gluckste noch immer leicht. "Das habe ich total vergessen. Ich-" Ein Handy klingelt. Ihr Handy. "Oh. Entschuldigen Sie mich bitte. Das Handy liegt im Wohnzimmer... naja, in dem Raum, der es mal werden soll." Sie kicherte. Es klang so wundervoll für mich. Als sie sich an mir vorbeizwängte, spürte ich ihren Körper so nahe. Jede Wölbung konnte ich wahrnehmen. Ich wollte sie nicht weglassen. Ich wollte sie! Aber ich ließ sie durch. Natürlich ließ ich sie durch. Ich drehte mich zu der Kühlschranktür, die jetzt vollends in meinem Blickfeld lag. Und ich sah etwas, das wesentlich mehr Neid und Eifersucht in mir hervorrief, als der Schubser, den sie der Tür gab. Ich sah ein Photo. Von ihr. Und einem Mann, auf dessen Schoß sie sitzt, während sie ihn küsst. "Hallo, Schatz?" Er wagte es sie anzurufen. Sie zu BERÜHREN! "Du kommst später? Eine Stunde? Ja ist gut, ich warte mit dem Einrichten. Ich liebe dich auch. Bis heute Abend!" Er hat ihr gesagt, dass er sie liebt. Lügner! Ich liebe sie, nicht er! Er will ihr nur weh tun. Sie ausnutzen. Aber das werde ich niemals zulassen. Und das habe ich auch nicht. Wut stieg in mir auf, ließ mich zittern. Eine Milchpackung ließ ich fallen, die andere zerquetschte ich im Arm. Ich habe die kalte Milch kaum gespürt, als sie mein Hemd durchnässte. So kalt, und weiß. Die Packung schlug auf dem Boden auf, zerplatzte. Sie kam, betrachtete die Sauerei kurz und sagte scherzhaft: "Ach, werfen Sie doch die gute Milch nicht weg. Ich habe doch nur diese." Sie lächelte. Nur kurz. Bis sie mir in die Augen sah. Ich wusste, dass ich sie vor ihm beschützen musste, mit allen Mitteln. Und das tat ich.

 

Manchmal muss man einen Schwur brechen, um ihn zu erfüllen. Manchmal muss man Menschen weh tun, um sie vor Schmerzen zu bewahren. Das tat ich. Dass ich es (wieder) tun musste wurde mir klar, als ich das Messer sah. Die Anrichte ist verschmutzt. Rot von Marmelade. Und Blut. Ich spürte das heiße Blut auf meinem Hemd genauso unbewusst und schwach wie die kalte Milch. Das Messer wasche ich gerade ab. Wenn er nachher nach Hause kommt, soll ihr Blut sich nicht mit dem seinen vermischen. Er darf sie nicht weiter besudeln. Ich lasse das nicht zu.

Ich ließ es seiner Zeit auch nicht bei Marie zu.

 

 

© 2006 by Thomas Hesse